
Die Geschichte der Kunst
Ernst H. Gombrich · Phaidon
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Jean Fouquet · um 1450–1455 · Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen
Editio Prima
„Ein Gesicht ohne Blut, eine Brust an der falschen Stelle — und das Modell war seit zwei Jahren tot."
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Anmerkung der Galerie
die Galerie schreibt:
Fouquet war der erste französische Maler, der Italien gesehen hatte, und man sieht es: die Engelwand hinter der Madonna ist kein gotisches Ornament mehr, sondern eine gebaute Fläche aus Körpern.
Was das Bild bis heute verstört, ist die Kälte. Die Madonna sitzt in einer Haltung, die Zuwendung verspricht, und gibt keine. Das Kind sucht keinen Blick. Der Thron ist aus Marmor und Perlen, kein Ort für ein Kind. Alles ist kostbar und nichts ist warm.
Die roten und blauen Engel sind Seraphim und Cherubim, die höchsten Chöre. Sie haben keine Gesichter im eigentlichen Sinn, nur Farbe und Wiederholung. Fouquet stapelt sie zu einer Wand, die nach hinten keinen Raum lässt.
Das Diptychon wurde im 18. Jahrhundert zersägt. Die linke Tafel mit Chevalier und dem heiligen Stephanus hängt heute in Berlin, die rechte in Antwerpen. Zusammengeklappt hat es seit über zweihundert Jahren niemand mehr gesehen.
Was die Galerie bemerkt
Die Haut hat keine Farbe. Fouquet konnte Leben malen — in diesem Bild tut er es nicht, und das ist die Entscheidung, um die es geht.
Virgo Lactans ohne Stillen: die Brust liegt frei, aber das Kind dreht sich weg und zeigt aus dem Bild heraus.
Das Modell soll Agnès Sorel gewesen sein, Geliebte Karls VII., gestorben 1450 mit achtundzwanzig. In ihrem Grab fand man Quecksilber.
Das Melun-Diptychon ist ein Gerät. Klappt man es zu, liegt der Kopf des Stifters Étienne Chevalier an der Brust der Madonna.
Die Zuschreibung an Agnès Sorel stammt erst aus dem 18. Jahrhundert. Beweisbar ist nur, dass jemand wollte, dass wir sie erkennen.
Editorial-Eintrag
Dieses Werk ist als Editorial-Eintrag der Galerie dokumentiert. Ein Druck ist aufgrund urheberrechtlicher Schranken nicht erhältlich.
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