Hexenkopf · August Natterer

Werk Nº 24

August Natterer · 1915 · Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Editio Prima

Ein Vexierbild auf transparentem Papier. Beidseitig bemalt. Wer es gegen das Licht hält, sieht eine Hexe, die zurückblickt."

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Anmerkung der Galerie

die Galerie schreibt:

Heidelberg, Voßstraße 2. In einem umgebauten ehemaligen Hörsaal der Psychiatrischen Universitätsklinik hängt heute ein kleines Blatt: 24 × 19 Zentimeter, beidseitig bemalt auf transparentem Papier. Vorne eine süddeutsche Landschaft mit See, Steg und zwei Gebäuden. Hinten dieselben Linien — gelesen als Profil einer Hexe. Inventarnummer 184. Sammlung Prinzhorn.

August Natterer wurde 1868 in Schornreute bei Ravensburg geboren, als jüngstes von neun Kindern. Sein Vater starb, als er drei war. Die Familie zog nach Stuttgart. Natterer lernte Elektromechanik, eröffnete ein Geschäft in Würzburg, belieferte Wilhelm Röntgen mit Apparaten, die unsichtbare Strahlen sichtbar machen. Verheiratet, eine Tochter, mehrere Mietshäuser. Württembergischer Mittelstand.

Am 1. April 1907, mittags zwölf Uhr, steht er auf einem Platz in Stuttgart und schaut zum Himmel. Innerhalb einer halben Stunde sieht er zehntausend Bilder, in einer Geschwindigkeit, die er später gigantisch nennt. Engel mit Flügeln aus Metall. Schlachten aus der Vorgeschichte. Eine zweite Sintflut. Über den Kasernen am Rothebühl erscheint eine Hexe und sagt ihm: Ich habe diese Welt erschaffen. Du wirst sie sehen.

Sechs Monate später Einweisung in Rottenmünster bei Rottweil. Diagnose Schizophrenie. Vier Jahre lang verstummt er. 1911 gibt ihm ein Arzt einen Bleistift. Er zeichnet die zehntausend Bilder Stück für Stück, datiert und nummeriert, mit der Präzision eines technischen Zeichners. Über zweihundert Blätter entstehen.

Der Hexenkopf ist eines der bekanntesten. Wer das Blatt frontal betrachtet, sieht eine Landschaft mit See und Booten. Wer es kippt, sieht ein Frauenprofil. Wer es gegen das Licht hält, sieht beides zugleich — und ein blindes Auge der Hexe öffnet sich.

1922 wählt Hans Prinzhorn zehn Insassen psychiatrischer Anstalten für sein Buch Bildnerei der Geisteskranken aus. Natterer ist darunter, unter dem Schutzpseudonym Neter. Der Hexenkopf erhält eine Doppelseite. Max Ernst bringt das Buch nach Paris. Paul Klee legt es ins Atelier am Bauhaus. Dalí studiert die Strategien. Dubuffet, vierzig Jahre später, sagt: Es zeigte mir den Weg — und prägt den Begriff Art Brut, der ins Englische als Outsider Art übersetzt wird.

1937 hängen die Nationalsozialisten Werke aus der Sammlung Prinzhorn neben Klee, Kandinsky und Ernst in der Münchner Ausstellung Entartete Kunst. Über zwei Millionen Menschen sehen sie. Die Nazis hängen den Lehrer neben seine Schüler und erkennen den Zusammenhang nicht. Im Hof der Berliner Hauptfeuerwache, Lindenstraße 41, verbrennen am 20. März 1939 fünftausend beschlagnahmte Werke als Brandschutzübung — darunter Blätter aus der Sammlung Prinzhorn.

Die Sammlung selbst überlebt auf dem Dachboden der Universität Heidelberg. Seit 2001 ist sie Museum. Du kannst hingehen.

Abbildung: August Natterer, Hexenkopf (Vorder- und Rückseite), um 1915, Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg, Inv. 184 · gemeinfrei (Natterer † 1933).

Was die Galerie bemerkt

Die fünf Pointen

  1. I.

    Stuttgart, 1. April 1907, mittags zwölf Uhr. August Natterer, 39, Elektromechaniker und Vermieter, steht auf einem Platz und sieht zum Himmel. Innerhalb einer halben Stunde sieht er zehntausend Bilder. Engel, Schlachten, Kontinente. Und eine Hexe, die ihm sagt: Ich habe diese Welt erschaffen.

  2. II.

    Sechs Monate später ist er in der Anstalt Rottenmünster. Diagnose: Schizophrenie. Geschäft weg, Ehe weg, Tochter weg. Vier Jahre verstummt er.

  3. III.

    1911 gibt ihm ein Arzt einen Bleistift. Er beginnt zu zeichnen, was er gesehen hat. Über zweihundert Blätter. Eines davon: ein Vexierbild — Landschaft auf der einen Seite, Hexenkopf auf der anderen. Beidseitig bemalt auf transparentem Papier.

  4. IV.

    1922 erscheint Hans Prinzhorns Buch Bildnerei der Geisteskranken. Natterer ist einer von zehn schizophrenen Meistern. Max Ernst trägt das Buch nach Paris. Klee legt es ins Bauhaus-Atelier. Dalí kopiert. Dubuffet sagt vierzig Jahre später: Es zeigte mir den Weg.

  5. V.

    1937 hängen die Nazis Werke aus der Sammlung Prinzhorn neben Klee, Kandinsky und Ernst in der Schandausstellung Entartete Kunst. Sie hängen den Lehrer neben seine Schüler und sehen nur Wahnsinn. Natterer ist da schon vier Jahre tot.

Im Raum

So lebt das Werk

Hexenkopf · auf dem Studientisch
Auf dem Studientisch
Hexenkopf · im Lesezimmer
Im Lesezimmer
Hexenkopf · in der Galerie-Installation
In der Galerie

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