
Liebe, Tod und Teufel · Die schwarze Romantik
Mario Praz · Carl Hanser
Goya, Blake, Symbolisten, Decadence. Das Standardwerk zur Dunkelheit zwischen 1780 und 1900.
Bei Amazon ansehen →
Werk Nº 25
August Natterer · 1911 · Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg
Editio Prima
„Das erste Blatt, das er zeichnete, nachdem ihm ein Arzt nach vier Jahren Schweigen einen Bleistift gab."
Die Galerie öffnet
Anmerkung der Galerie
die Galerie schreibt:
Heidelberg, Sammlung Prinzhorn. Ein kleines Blatt, Bleistift auf Papier. Zwei nahezu kreisrunde Augen, frontal gezeichnet, mit weit geöffneten Pupillen. Über der Zeichnung in Natterers eigener Handschrift: Meine Augen zur Zeit der Erscheinungen.
August Natterer hatte vier Jahre lang nicht gesprochen. Seit der Einweisung in Rottenmünster 1907, der Verlegung nach Weissenau, dem Verlust von Geschäft, Ehe und Tochter, war er verstummt. 1911 gibt ihm ein Arzt einen Bleistift. Vielleicht aus Therapie-Versuch, vielleicht aus Routine. Niemand erwartet etwas.
Das erste, was er zeichnet, sind nicht die zehntausend Bilder vom 1. April 1907. Es sind nicht die Engel mit Flügeln aus Metall, nicht die Schlachten, nicht die Hexe über den Kasernen. Es sind seine eigenen Augen — das Organ, durch das die Vision in ihn eingetreten ist.
Die Wahl ist nicht zufällig. Natterer war Elektromechaniker, Lieferant von Spulen und Schaltkreisen an Wilhelm Röntgen. Neun Jahre vor seinem Zusammenbruch hatte er Apparate gebaut, mit denen Röntgen sichtbar machte, was unter der Haut liegt — Knochen, Risse, Krankheit. Jetzt, in der Anstalt, beginnt Natterer wieder mit einem Apparat: dem Auge selbst. Er zeichnet es wie eine technische Linse. Aufnahme-Organ. Eingang.
In den folgenden Jahren entstehen über zweihundert Blätter. Der Wunder-Hirthe, ein Wesen mit flügelartigen Armen. Die Weltachse mit Hase. Der Hexenkopf, das berühmteste der Blätter — Landschaft auf der Vorderseite, Hexe auf der Rückseite, beide nur sichtbar wenn das Blatt gegen das Licht gehalten wird.
Hans Prinzhorn sammelt Natterers Werke. 1922 erscheinen sie in Bildnerei der Geisteskranken, unter dem Schutzpseudonym Neter. Max Ernst trägt das Buch nach Paris. Klee legt es ins Bauhaus-Atelier. Dalí studiert die Strategien. Jean Dubuffet, vierzig Jahre später: Es zeigte mir den Weg.
Was im April 1907 mit einer Vision begann, was 1911 mit zwei Augen anfing — wurde zur Grundlage der europäischen Avantgarde. Natterer hat das nie erfahren. Er starb 1933 in Rottweil, Herzversagen, kurz bevor die Nationalsozialisten die Sammlung Prinzhorn zur Schandausstellung Entartete Kunst heranzogen.
Abbildung: August Natterer, Meine Augen zur Zeit der Erscheinungen, 1911, Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg · gemeinfrei (Natterer † 1933).
Was die Galerie bemerkt
1911, Anstalt Weissenau. August Natterer hat vier Jahre lang nicht gesprochen. Ein Arzt gibt ihm einen Bleistift. Das erste, was er zeichnet, sind zwei Augen mit weit geöffneten Pupillen.
Über die Zeichnung schreibt er den Titel selbst: Meine Augen zur Zeit der Erscheinungen. Nicht meine Augen damals. Sondern das Organ, durch das die Vision in ihn eintrat.
Natterer war Elektromechaniker. Er hatte Apparate für Wilhelm Röntgen gebaut, der das Unsichtbare sichtbar machte. Jetzt zeichnet er seine eigenen Augen wie technische Linsen.
Das Blatt ist klein, die Linie sicher, die Pupillen geweitet wie unter Mydriaticum. Niemand außer ihm sieht, was er gesehen hat. Aber die Augen, durch die er es sah, kann er zeigen.
Über zweihundert weitere Blätter folgen. Der Hexenkopf darunter. Was 1911 mit zwei Augen begann, wurde zur größten europäischen Sammlung psychiatrischer Patientenkunst.
Im Raum



Über die Drucke
Die Aufnahmen oben sind Beispielbilder. Auf einzelnen Mockups erscheinen schmale weiße Ränder, die im echten Druck nicht existieren — unsere Drucke sind randlos · Edge-to-Edge auf 200gsm Premium-Mattpapier.
Einige Werke wurden auf unsere Standardformate (Notiz · Werk · Tafel) angepasst. Dabei haben wir darauf geachtet, so wenig wie möglich vom Kunstwerk zu beschneiden.
Bitte vor Bestellung die Maße am Wandplatz nachmessen — die Drucke kommen in fester Größe.
Editorial-Eintrag
Dieses Werk ist als Editorial-Eintrag der Galerie dokumentiert. Ein Druck ist aufgrund urheberrechtlicher Schranken nicht erhältlich.
Lies weiter in der Bibliothek

Mario Praz · Carl Hanser
Goya, Blake, Symbolisten, Decadence. Das Standardwerk zur Dunkelheit zwischen 1780 und 1900.
Bei Amazon ansehen →
Ernst H. Gombrich · Phaidon
Die Bibel der Kunstgeschichte. Beginnt mit den Höhlenmalereien und endet bei dir.
Bei Amazon ansehen →Empfehlungen der Galerie · Affiliate-Links
Andere Galeriegänger entdeckten auch
Werk Nº 01 · 1890 · National Gallery, Sofia
Zwei Augen in der Dunkelheit. Eine ganze Regierung sollte sie nicht sehen.

Werk Nº 02 · ca. 1930 · Santuario de Misericordia, Borja
Eine Restauratorin wollte Jesus retten. Sie schuf das wertvollste Desaster der Kunst.

Werk Nº 03 · 1841 · Louvre, Paris
Der Palast des Satans. Gezeichnet mit der Fassade des britischen Parlaments.