
Spiegel der Welt · Die Erfindung des Gemäldes in den Niederlanden
Hans Belting · C.H. Beck
Wie das Gemälde erfunden wurde. Und wer die Welt darin spiegelte.
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Johannes Vermeer · um 1658 · Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
Editio Prima
„250 Jahre lang hing hier ein Vermeer, den es so nie gegeben hat. Jemand hatte etwas getilgt — und niemand weiß, wer."
Die Galerie öffnet
Anmerkung der Galerie
die Galerie schreibt:
Vermeer hat in seinem Leben vielleicht fünfunddreißig Bilder gemalt. Man nannte ihn die Sphinx von Delft, weil so wenig von ihm bekannt ist und so viel in seinen Bildern steckt.
Das Brieflesende Mädchen kam 1742 nach Dresden, gekauft als Rembrandt. Die Zuschreibung wechselte über die Jahrhunderte mehrfach, bis Vermeer im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde.
Was die Restaurierung von 2017 bis 2021 verändert hat, ist nicht nur ein Detail. Mit dem Amor an der Wand kippt die Lesart des ganzen Bildes. Vorher war es ein stiller Raum und eine unbestimmte Nachricht. Jetzt hängt über der Leserin ein Gott der Liebe, der auf eine Maske tritt — auf die Verstellung. Der Brief ist damit erklärt.
Wer die Übermalung veranlasst hat und warum, ist unbekannt. Wahrscheinlich hielt jemand den leeren Raum für den besseren Vermeer.
Was die Galerie bemerkt
Auf der kahlen Wand lag ein Schatten, den kein Fenster warf. Das war der Hinweis, den 250 Jahre lang alle sahen und niemand las.
1979 zeigte eine Röntgenaufnahme einen fast zwei Meter hohen Amor, der auf eine Maske tritt.
Die gängige Erklärung — Vermeer habe es selbst entfernt — hielt bis 2017. Dann fand man eine Schmutzschicht zwischen zwei Firnislagen.
Schmutz braucht Jahrzehnte. Übermalt wurde lange nach Vermeers Tod; der Dresdner Kaufvertrag von 1742 kennt das Bild schon ohne Amor.
Vier Jahre Skalpellarbeit. Amor steht wieder an der Wand — und der Brief ist plötzlich ein Liebesbrief.
Editorial-Eintrag
Dieses Werk ist als Editorial-Eintrag der Galerie dokumentiert. Ein Druck ist aufgrund urheberrechtlicher Schranken nicht erhältlich.
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